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Der Dieb

Diese ist eine von meinen Lieblingsgeschichten: Der Dieb In einer Vollmondnacht kam in das kleine Haus eines Meisters, weit außerhalb der Stadt, ein Dieb. Der Meister war wach. Er besaß nur eines: eine Decke, die er halb als Matratze und halb zum Zudecken benutzte. Und am Tage benutzte er dieselbe Decke, um seine Blöße zu bedecken, denn er besaß keine anderen Kleider. Als er den Mann im Vollmond sah - denn die Türen waren offen, die Fenster waren offen, und der Mond schien hinein... Es war ein bekannter Dieb. Der Meister schloß die Augen, denn die Augen offenzuhalten wäre dem Dieb gegenüber respektlos gewesen, wenn er es bemerkt hätte. Da er einige Meilen weit aus der Stadt gekommen war, um etwas aus dem Haus eines armen Meisters zu stehlen, befand er sich offenbar in großer Not. Der Meister weinte und hielt sich unter seiner Decke verborgen. "Was kann er in meinem Hause finden? Er wird die acht Meilen mit leeren Händen wieder zurückgehen müssen. Hätte er es mich zwei oder drei Tage vorher wissen lassen, dann hätte ich in der ganzen Stadt betteln und etwas für ihn sammeln können. Das ist nicht die rechte Art, in das Haus eines armen Mannes zu kommen!" Es kümmerte ihn nicht, daß es ein Dieb war. Er war bekümmert, daß er nichts besaß, was ihm der Mann hätte stehlen und was ihn hätte zufriedenstellen können. Im Inneren des Hauses herrschte Dunkelheit, und der Meister machte sich Sorgen, der Dieb könne stolpern und hinfallen und sich wehtun. So zündete er eine Kerze an und ging hinter dem Dieb ins Haus. Der Dieb schaute sich um. Plötzlich war Licht in der Finsternis, und als er den Meister erblickte, erstarrte er vor Angst: Wenn dieser Mann ein einziges Wort sagte, würde die ganze Stadt ihm Glauben schenken! Doch der Meister sagte: "Hab keine Angst. Ich komme, um dir zu helfen. Drinnen im Haus ist es sehr dunkel. Und außerdem lebe ich seit dreißig Jahren in diesem Haus und habe noch nichts gefunden. Aber wenn du mich zum Partner nimmst, können wir bei allem, was wir finden, halbe-halbe machen. Doch wenn du alles für dich behalten willst, ist das auch in Ordnung, denn ich habe noch nie etwas gefunden. Es gehört dir; du bist der Finder." Der Dieb war im Herzen berührt. Wohl hatte er das Wort ,Mitgefühl' schon gehört, aber jetzt erfuhr er zum ersten Mal in seinem Leben, was es bedeutet. Da war kein Vorwurf, keine Verurteilung. Im Gegenteil, dieser Mann half ihm sogar, in seinem eigenen Haus etwas zu stehlen! Der Dieb sagte: "Bitte vergib mir, Meister. Ich hatte keine Ahnung, daß es *dein* Haus ist, sonst hätte ich es nicht zu betreten gewagt." Der Meister sagte: "Du sollst nicht mit leeren Händen gehen. Ich habe nichts als diese Decke, und draußen ist es sehr kalt - bitte nimm diese Decke." Und er gab ihm seine Decke. Der Dieb war erstaunt, denn darunter war er nackt. Sie war alles, was er besaß. Der Dieb versuchte, es ihm auszureden... Der Meister sagte: "Füge mir nicht noch größeren Schmerz zu. Und wenn du das nächste Mal kommst, sag mir vorher Bescheid. Ich werde mich darauf einrichten. Und wenn du etwas Bestimmtes brauchst, laß es mich wissen. Es gibt in dieser Stadt so viele, die mich lieben; ich habe so viele Jünger und Anhänger. Ich garantiere es dir. Ich schäme mich, daß meine Decke so alt ist. Sie ist es nicht wert, verschenkt zu werden. Doch sieh meine Ratlosigkeit und sei so lieb, sie anzunehmen. Ich werde dir mein Leben lang dankbar sein." Der Dieb steckte in der Klemme. Was sollte er tun? So einen Menschen hatte er noch nie erlebt. Er berührte die Füße des Meisters und nahm die Decke, denn nun konnte er sie schwer ablehnen. Dann beeilte er sich, das Haus zu verlassen, denn die Gegenwart des Meisters wurde ihm unerträglich. Er hatte Kaiser gesehen und Generäle, aber einen *Menschen* hatte er noch nie zu Gesicht bekommen. Als er hinausging, sagte der Meister: "Denk dran, vergiß nicht - du hast mich sehr glücklich gemacht! Mein ganzes Leben lang war ich ein Bettler. Ich habe nie die Freude des Gebens kennengelernt. Du hast mich vom Bettler zum Kaiser gemacht, weil du meine alte, verschlissene Decke angenommen hast. Du hast ein weites Herz, tiefes Verständnis. Komm öfter wieder." Als der Dieb gegangen war, saß der Meister da und zitterte. Es war so kalt... Da sah er den Vollmond durchs Fenster, und er schrieb ein kleines Haiku mit folgendem Wortlaut: Warum läßt die Existenz mich so arm sein? Erst jetzt, da der Dieb mir begegnete, fühlte ich meine Armut. Könnte ich ihm diesen schönen Mond geben, ich hätte auch ihn gegeben.
25.11.06 23:38


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